Eine Sternstunde mit „Rünner to’n Fluss“

Umjubelte Premiere in den Kammerspielen

Lübeck. Bei dieser Aufführung der Niederdeutschen Bühne stimmt einfach alles: hervorragende Darsteller, eine einfallsreiche Regie, wohlgewählte Kostüme und ein atmosphärisches Bühnenbild. Die unterhaltsame Boulevardkomödie „Rünner to’n Fluss“ von Frank Pinkus hat Renate Wedemeyer ins Niederdeutsche übersetzt.

Camping-Chaos in der Provence

Der Schauplatz: Sommer, Campingplatz in der Provence –  mit Zelt, Campingtischchen samt Stühlchen, Kochstelle und Wäscheleine stilecht gestaltet von Bühnenbildner Moritz Schmidt. Die Protagonisten: die Busfahrerin Anke Kaiser und der Beamte Karsten Konrad. Die beiden teilen ein gemeinsames Schicksal – sie wurden im Urlaub von ihren Partnern verlassen. Nun hat Anke weder Auto noch Zelt im Gegenzug zu ihrem Platznachbarn Karsten. Kurzerhand quartiert sich die resolute Frau bei Karsten ein – Widerstand zwecklos.

Ein authentisches Wechselbad der Gefühle

Das Zwei-Personenstück fesselt von Anfang an, obwohl das Happyend vorhersehbar ist. Dennoch durchläuft das zukünftige Liebespaar Anke (Anna Jerbov)  und Konrad (Robin Koch) durchläuft in einem Dialog-Marathon hinreißend authentisch die Phasen seiner Beziehung: dazu gehören wortstarke Schelte auf ihre jeweiligen Ex, vorsichtiges Sich-einander-Annähern, streiten, sich wieder distanzieren und letztendlich doch trotz aller Unterschiedlichkeit zueinander finden.

Traummann gesucht: Vom Spießer zum Macho

In diesem unterhaltsamen Prozess werden ihre jeweiligen Vorstellungen diskutiert  und direkt ausprobiert: Es stellt sich die Frage: Wie sollte der Traummann/ die Traumfrau sein und taugt dieses Wunschbild fürs wirkliche Leben? Anke wünscht sich jedenfalls einen echten „Kerl“ und versucht aus dem pingeligen langweilige Kontrollfreak Karsten (Ist der Campingkocher wirklich abgedreht?) einen Mehr-Macho-Mann zu machen. Wie in einer Modenschau schickt sie ihn auf den Laufsteg: Kopf hoch, Brust raus, Bauch rein! Zudem übt er zum Vergnügen des Publikums. Ebenso muss er in einem zwar lustigen, aber heute nicht mehr ganz so politisch korrekten Saufspiel das Brüllen üben. (Ist sich Mut antrinken, um aus sich herauszukommen, ein zeitgemäßes Mittel der Wahl?)

Das Highlight: Ein Beamter wird zum Rockstar

Überraschenderweise schlüpft Karsten dann in einer Szene in die Rolle von Billy Idol.  Der britische Rockstar ist ein Schwarm seiner Jugend. Für seine perfekte Performance zu “Rebel Yell“ aus dem Off erhält Robin Koch begeisterten Szenenapplaus.

Charme, Emanzipation und Gefühl

Die attraktive Anna Jerbov besticht durch ihre Bühnenpräsenz und ihren Charme. Sie beklagt die Rolle, die Frauen heute immer noch zugeschrieben wird: Mutter, verständnisvolle Ehefrau und Geliebte. Dagegen setzt sie ihr flottes Mundwerk,  raucht und bestimmt (Ooops, noch ein überholtes Bild von Emanzipation). Nichtsdestotrotz zeigt sie nach der gemeinsamen Liebesnacht mit Karsten im Zelt ihre weiche Seite.

Romantisches Finale und verdienter Applaus

Schließlich machen die beiden Darsteller im Verlauf des Stücks eine Entwicklung durch: Konrad ist weniger „Stiesel“, Anke rückt ab von ihrem Macho-Männerbild, ist offen für Zärtlichkeit und die Komödie nähert sich ihrem romantischen Ende:  Hand in Hand geht das Paar endlich zu seinem Sehnsuchtsort „rünner to’n Fluss“. Der stürmische, langanhaltenden Schlussapplaus des Premierenpublikums galt den wunderbaren Darstellern, der professionellen Regie von Manfred Upnmoor, den Kostümen, ausgesucht von Christa Walczyk, und dem stimmigen Bühnenbild.

Text: Dorothea Kurz-Kohnert, Fotos: Peter Wiechmann

 

1 Kommentar

  • Antje Moje
    Gepostet 17. Januar 2026 11:33 0Likes

    Es war einfach fantastisch. Was für eine tolle Inszenierung. Chapeau an alle Mitwirkenden! Tolle Leistung!

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